DON’T MOVE / Texte

Alexandra Anderson / Smart Magazine, USA

Freeze Frames 

The people in Jaschi Klein's tinted cibachrome prints are playing a version of what children used to call „statue", a version the german photographer and filmmaker has meticulously contrived to enact her fantasies. "I make use of existing elements, actors, props, and sceneries, with memories of the past and mythological overtones inter-mingling", she says. The fascination of these photographs, at least to the American eye, comes from their chic artifice, their etiolated strangeness. Of course, American photographers such as Cindy Sherman and Laurie Simmons stage their personal or sociological fantasies in still pictures. But Klein's brand of brainy surrealism, which mixes violence, absurdity, ritual, magic and a whiff of high Fashion, is really only approached in the United States by the films of David Lynch and by the theatrical tableaux of Robert Wilson. Her photographs certainly echo Antonioni and Fellini. (Klein has made two widely praised experimental films and has worked on documentaries in Africa, Saudi Arabia, and North and 
South America.) What are the occasions of her pictures, taken on the canary islands, in France and in Germany during the past few years? The landscapes are both bleak and exotic, and Klein uses them as stage sets. The figures, out of place in these archaic settings, are totally involved in mysterious, often violent activities impermeable to narrative logic. Why is a barebreasted woman dragging a naked man up a sand dune in front of a ball of fire? Why are five blacksuited men mesmerized by the sky? Why is a woman's arm decked with bird feathers? It's scenery from dreams, with perspectival shifts worthy of de Chirico. The shock is in the juxtapositions. Klein is willing to risk excessive theatricality in order to exercise her independent vision. Her photographic style has the clarity, sweep, and edge of the best nineteenth-century documentary work, but her images are the stuff of sheer imagination.

 

Alexandra Anderson / Smart Magazine, USA (Übersetzung) 

Erstarrte Körper 

Die Leute in Jaschi Kleins Cibachrome-Abzügen spielen eine Variante dessen, was wir als Kinder "Standbild" nannten-eine Version, die die deutsche Fotografin und Filmemacherin sorgfältig entwickelt hat, um ihre Phantasien umzusetzen. „Ich verwende existierende Elemente, Akteure, Dekorationen und Szenerien, mit Erinnerungen an Vergangenes und Beimischung mytho-logischer Untertöne", sagt sie. Die Faszination dieser Aufnahmen kommt, zumindest für das amerika-nische Auge, aus ihrer Chique-Künstlichkeit, ihrer durch Sonnenlicht bleichen Eigenart. Natürlich inszenieren amerikanische Photographen wie Cindy Sherman und Laurie Simmons ihre persönlichen oder soziologischen Phantasien in Stand-Bildern. Aber Kleins Art eines gescheiten Surrealismus, der Gewalt, Absurdität, Ritual, Magie und einen Hauch von großer Mode mischt, nähern sich in Wirklichkeit in den Vereinigten Staaten nur die Filme David Lynch's oder die Table aus Robert Wilsons. Ihre Photos lassen sicherlich Antonioni und Fellini nachklingen. (Klein hat zwei weit gelobte Experimentalfilme gemacht und an Dokumentarfilmen in Afrika, Saudi Arabien, Nord- und Süd-Amerika mitgearbeitet.) Was waren die Anlässe ihrer Bilder, die auf den Kanarischen Inseln, in Frankreich und Deutschland in den letzten Jahren aufgenommen wurden? Die Landschaften sind karg und zugleich exotisch, und Klein nutzt sie als Bühnen. Die Gestalten, in dieser archaischen Umgebung fehl am Platz, sind völlig mit mysteriösem, oft gewaltsamen Tun beschäftigt — undurchdringbar für die erzählerische Logik. Warum schleift eine barbusige Frau einen nackten Mann vor einem Feuer-ball eine Düne hinauf? Warum erstarren fünf Männer in schwarzen Anzügen dem Himmel zugewandt? Warum ist der Arm einer Frau mit Vogelfedern bedeckt? Es ist eine Szenerie aus Träumen, mit perspektivischen Verschiebungen, die eines de Chirico würdig sind. Der Schock liegt in den Nebeneinandern. Klein ist bereit, exzessive Theatralik zu riskieren, um ihre eigenständige Sehweise durchzusetzen. Der photographische Stil hat die Klarheit, Kraft und Schärfe der besten Dokumentararbeiten des 19. Jahr-hunderts, aber ihre Bilder sind der Stoff reiner Imagination

Katalogvorwort DON'T MOVE!
von Klaus Honnef (Auszug),
Dezember 1987

Jaschi Kleins photographische Bilder... Man scheut sich förmlich, lediglich von photographischen Aufnahmen zu sprechen, Jaschi Kleins photographische Bilder weisen sowohl in formaler als auch inhaltlicher Beziehung eine äußerst kom-plexe Struktur auf. In diesem Stil haben große Dokumentarphotographen amerikanischer Observanz gearbeitet. Gleichmäßige Lichtregie, übersichtliche Raumaufteilung, klare Linienführung, Kamera aus Augenhöhe, sorgfältige Quadrage. Dennoch würde wohl niemand auf die Idee kommen, anhand dieser Bilder einen dokumentarischen Gestus zu diagnosti-zieren. Warum eigentlich nicht? Die photographischen Bilder von Jaschi Klein dokumentieren nämlich tatsächlich. Sie dokumentieren, was die Bildautorin vor die Kamera hinstellt, was sie für die Kamera inszeniert hat. Und das dokumentieren sie als Inszenierung, auf Anhieb einsehbar, als ein Stück Wirklichkeit, das eigens erfunden wurde, um ein photographisches Bild zu schaffen. Die Wirklichkeit der Imagination manifestiert sich als Bild-realität. Die photographischen Bilder zeigen unverfälschte Wirklichkeit, indes eine, die sich der bildnerischen Imagination einer Künstlerin verdankt. Kann Photographie authentischer sein? Präziser: Kann sie glaubwürdiger sein und damit überzeugender? Jaschi Klein vertritt einen avancierten Standort in der photographi-schen Kunst. Die Flut der tagtäglich produzierten photographischen Bilder unterhöhlt allmählich den Anspruch der Photographie auf Authentizität. Kleins photographische Bilder geben sich von vorneherein als autonome Realitäten zu erkennen: als selbständige bildnerische Wirklichkeiten.
Die Photographin verfügt über filmische Praxis, doch das Theater prägt ihre Inszenierung. Bilder des filmischen Theatralikers Federico Fellini, aber auch des theatralischen Filmers Michelangelo Antonioni kristallisieren sich heraus. Dann: Die elementare Wucht des Geschehens, das sich vor der Kamera vollzieht. Dazu trägt die karge, mitunter archaische Szenerie bei. Diese ist mehr als bloße Folie für das bildnerische Geschehen. Die Szenerie spielt in den photographischen Bildern eine ebenso aktive Rolle wie die Protagonisten. Ja, sie prägt sogar den Inhalt der Bilder. Denn viele handeln von elementaren Dingen. Die Elemente selbst spielen